Ein Venture Capitalist, den David Martin seit dem Jahr 2015 kennt, hat ihn vor Kurzem mit einer ungewöhnlichen Frage angerufen. Der Mann am anderen Ende hat seit ihrem ersten Treffen vor allem im Ethereum-Ökosystem investiert. Er ist Software-Entwickler, hat sich in Ethereum und seine Anwendungen verliebt und hat nie im Finanzbereich gearbeitet. Er wollte wissen, ob er sein ETH in einen ETF umwandeln und diese Position dann mit Margin nutzen kann, um Krypto-Aktien zu kaufen.
„Ich war überrascht”, sagte Martin BeInCrypto im exklusiven Interview auf dem Liquidity Summit 2026 in Hongkong. Er fügte hinzu:
Das ist zugleich die klarste Beschreibung des Problems, an dem Martin in seinen ersten Wochen bei Clear Street arbeitet. Die nötige Infrastruktur, die beide Welten verbinden soll, ist bis jetzt nicht komplett vorhanden. Und jene, die diese Brücke am meisten brauchen, sind schon schneller unterwegs als die Systeme, die ihnen helfen sollen.
ETF-Zuflüsse sorgen für Schlagzeilen. Aber Martin, der jetzt Chief Revenue Officer für Digitales Asset bei Clear Street ist, meint, dass die echten Umsatzzahlen genauer zeigen, wo institutionelles Vertrauen wirklich besteht.
Im letzten Jahr ist immer mehr Krypto-Aktivität in regulierte Angebote gewechselt. ETF, digitale Asset-Treasuries und börsennotierte Krypto-Unternehmen machen einen wachsenden Teil der institutionellen Ströme aus. Optionen auf BlackRocks IBIT haben fast 38 Mrd. USD an offenem Interesse erreicht. Damit wurde Deribit mit 32 Milliarden USD überholt, obwohl Deribit seit 2016 bei Bitcoin-Derivaten dominierte. IBIT startete Optionshandel erst im November 2024. Der schnelle Aufstieg ist darum besonders bemerkenswert.
Martin hat die Zahlen am Morgen vor dem Interview geprüft. Der Abstand war noch größer geworden. Im Januar 2026 machte IBIT 52 Prozent vom gesamten offenen Bitcoin-Optionsinteresse aus – das ist ein Rekord. Deribits Anteil fiel unter 39 Prozent, nach über 90 Prozent vor fünf Jahren.
Außerdem läuft inzwischen etwa 30 Prozent des Bitcoin-Spot-Volumens über Produkte, die mit traditionellen Aktien oder ETF verknüpft sind. Dieser Wandel zeigt, dass Institutionen ihre Krypto-Risiken heute lieber in bestehende Risiko- und Berichtssysteme einbauen.
Außerdem zeigt sich unter den Zufluss-Zahlen ein weiteres Problem, das noch ungelöst ist.
Mehr Leute machen mit. Trotzdem ist das Kapital weiter aufgeteilt: auf Spot-Märkte, Aktien und Derivate. Es gibt noch kein einheitliches System, das einen einfachen Wechsel möglich macht.
Martin beschreibt es ganz genau: „Es gibt heute keinen Ort am Markt, wo man seine Coinbase-Aktie als Sicherheit nutzen kann, um Krypto-Derivate oder Bitcoin zu kaufen.“
Für Portfoliomanager, die nun in beiden Asset-Klassen gleichzeitig aktiv sind, ist das nicht nur ein theoretisches Problem. Es behindert sie praktisch jeden Tag.
Die Veränderung ging schneller als die nötige Infrastruktur. Krypto-Fonds, die früher nur digitale Werte hielten, haben heute oft ein Drittel oder mehr ihres Depots in traditionellen Aktien. Diese Positionen liegen in getrennten Systemen, bei unterschiedlichen Brokern, ohne Möglichkeit zur gemeinsamen Absicherung.
Wer heute eine Aktienposition für einen Handel mit Krypto-Derivaten nutzen will, muss sie erst verkaufen. Dabei gibt es Ausführungsrisiken und Steuern – beides würde ein gemeinsames System verhindern.
Martin sieht zwei Wege, dieses Problem zu lösen. Firmen wie Clear Street bauen von der traditionellen Seite neue Verbindungen, damit Kapital leicht zwischen den Asset-Klassen wechseln kann. Der andere Weg führt über Blockchain-Lösungen, also Tokenisierung traditioneller Werte, damit Sicherheiten und Ausgleich direkt in einem System funktionieren – ohne die Reibungsverluste getrennter Infrastruktur.
Diese Annäherung sieht man schon im Portfolio-Aufbau: Krypto-Manager setzen immer mehr auf traditionelle Handelsplattformen, behalten aber digitale Werte im Portfolio. Die Lücke zwischen Depot und der dazu passenden Infrastruktur gehört aktuell zu den wichtigsten Herausforderungen für institutionelle Krypto-Investoren.
Der Anruf zeigt etwas, das Martin seit seinem Start bei Clear Street immer wieder hört. Die größeren Krypto-Vermögensverwalter, mit denen er spricht, machen es ähnlich. Vor einem Jahr hatte fast keiner von ihnen traditionelle Aktien. Heute halten die institutionell aufgestellten Manager mindestens 25 bis 30 Prozent in traditionellen Werten.
Martin weiß, dass dabei nicht nur Chancen sondern auch Wettbewerb eine Rolle spielt. Als das Thema im Gespräch aufkam, stimmte er sofort zu. Je mehr Manager auf traditionelle Angebote setzen, desto mehr wirkt das Nicht-Mitmachen wie ein Nachteil statt wie eine klare Entscheidung. Abseits zu bleiben wird riskant, wenn die Mehrheit schon gewechselt hat.
Das ist für jeden, der in diesem Bereich Infrastruktur baut, wichtig. Manager bauen Depots, für die die Märkte eigentlich noch nicht gemacht sind. Die Infrastruktur muss aufholen, sonst drückt sie spürbar auf den Ertrag.
Eine Hürde ist die Kapitaleffizienz. Noch wichtiger, sagt Martin, ist die Unsicherheit bei DeFi-Regeln. Das könnte kurzfristig sogar der größte Engpass sein.
In DeFi gibt es echte Chancen: für Zinsen, fürs Trading und für Innovation. Diese Entwicklungen haben Krypto immer nach vorne gebracht. Für viele Institutionen ist dieser Markt aber noch unzugänglich. Die Auflagen, die ETF-Nutzung einfach machen, schließen oft jede Teilnahme an nicht regulierten DeFi-Märkten aus, egal wie attraktiv der Ertrag ist.
Martin verweist auf den Clarity Act, ein laufendes Gesetzesprojekt in den USA. Es soll klarere Regeln für digitale Werte und deren Regulierung bringen. Eine gute Lösung würde nicht nur Rechtssicherheit schaffen. Sie würde auch einen Marktbereich öffnen, in den große Institutionen bisher nicht investieren können.
Martin ergänzt:
Bis es diese Klarheit gibt, bleibt die Aufteilung bestehen. Krypto-Nutzerinnen und -Nutzer sind weiter in der DeFi, während traditionelle Unternehmen an der Seitenlinie stehen. Beide verpassen dabei mögliche Gewinne.
Als Martin gefragt wird, welche Infrastruktur-Entwicklung zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, spricht er nicht nur über das Thema Kapitaleffizienz. Er erwähnt vor allem ein anderes Thema: das Entstehen von komplett auf der Chain arbeitenden Vermögensverwaltern.
Das Thema reale Vermögenswerte auf der Chain (RWA) ist schon oft behandelt worden. Tokenisierte Geldmarkt-Fonds von BlackRock und Fidelity haben diese Idee bekannt gemacht. Auch der tokenisierte Kreditfonds von Apollo erweitert diese Entwicklung. Martin glaubt jedoch, dass hier noch mehr möglich ist: Vermögensverwalter, die direkt in der erlaubnispflichtigen DeFi arbeiten, mit KYC-Zugang, der die Regeln für Unternehmen einhält und dabei trotzdem die Vorteile der dezentralen Infrastruktur nutzt.
Es geht hier nicht um klassische Fonds, die nur ihre Bestände auf die Chain gebracht haben. Es ist ein ganz neues Modell: Die Verwaltungsschritte im Portfoliomanagement werden vereinfacht, und die Grenze zwischen on-chain und off-chain Infrastruktur verschwimmt nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.
„Ich finde, das ist eine der spannendsten Entwicklungen und löst einen wichtigen Anwendungsfall auf ganz neue Art”, sagt Martin.
Martin wird gebeten, die Entwicklung des digitalen Marktes für Unternehmen in einem Satz zusammenzufassen. Er wählt eine klare Antwort.
„Kapitaleffizienz regiert die Welt.”
Die Unternehmen und Partner, die es schaffen, Kapital ohne Hindernisse zwischen verschiedenen Anlageklassen zu bewegen und die Lücke zwischen den Bedürfnissen der Portfoliomanager und der aktuellen Infrastruktur schließen, werden laut Martin die nächste Phase des Marktes bestimmen.
Ob diese Lücke von klassischen Finanzvermittlern, blockchain-nativen Plattformen oder beiden gemeinsam geschlossen wird, entscheidet, wie schnell Unternehmens-Kapital im Tempo der Krypto-Assets arbeiten kann – einer Anlageklasse, die sich bisher oft schneller entwickelt hat als die unterstützenden Systeme.
Der DeFi-Entwickler, der einen ETF will, ist keine Ausnahme. Er zeigt, wohin der Trend geht. Aber ein Markt für ihn existiert noch nicht vollständig.
Hinweis der Redaktion: BeInCrypto ist offizieller Medienpartner des Liquidity Summit 2026, auf dem dieses Gespräch geführt wurde.
Der Beitrag „Es gibt aktuell keine echte Krypto-Handelsplattform“: David Martin von Cleat Street über Grenzen für institutionelle Krypto-Sicherheiten erschien zuerst auf BeInCrypto - Krypto News.

